Von Maren Mareike Gärtner (BZ)

Enge, Angst und Ungewissheit: Der 16-jährige Tomas stieg Pfingsten 1975 gemeinsam mit seiner Mutter, der Malerin Waluscha, in den Kofferraum eines Diplomatenwagens, um auf diesem Wege die DDR zu verlassen. 40 Jahre nach der Flucht und 25 Jahre nach dem Mauerfall schrieb Tomas de Niero (57) seine Gedanken nieder. Am Sonntag ließt der Schauspieler Jürgen Heinrich im Schlosspark-Theater aus dem autobiographischen Buch „Gedanken im Kofferraum – Meine Flucht am Checkpoint Charlie“ (Edel, 12.95 Euro).

„Wie wird es sein, wenn der Deckel hochgeht? Steht da ein hungriger, chronisch unterfütterter Schäferhund? Werden wir im Westen sein?“, erinnert sich de Niero im B.Z.-Gespräch an die Gedanken, die ihm im Kofferraum zum Zeitpunkt der Flucht durch den Kopf schossen. Im Westen angekommen, hilflos und ohne Gepäck, nahm Sängerin Evelyn Künneke, eine Bekannte der Mutter, die Flüchtlinge auf. „Aus Verzweiflung haben wir im Hause Künneke angerufen. Evelyn hat uns dann sofort das Balkonzimmer zur Verfügung gestellt. Das hat uns sehr geholfen und war eigentlich die erste warme Umarmung, die wir im Westen erhalten haben“, so de Niero.

Die Mutter plante die Flucht damals der Liebe wegen und entschloss sich, wegen mangelnden Platzes im Fluchtfahrzeug, nur ihren Sohn Tomas mitzunehmen. Der Grund: Tomas war als Älterer schon erwachsener als sein noch kindlicher kleiner Bruder, Dirk. Und war so den Herausforderungen der Flucht besser gewachsen. Ganz ohne Vorwarnung verließen Mutter und Sohn dann vor 40 Jahren das Haus – de Nieros ein Jahr jüngerer Bruder zerbrach an dieser Entscheidung. Denn erst nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 sahen sich die Brüder wieder. Zu spät für den Jüngeren. „Dirk hat das alles nicht verkraftet und ist mit 33 an Alkoholismus gestorben“, erinnert sich de Niero. Er selbst musste schließlich die Entscheidung treffen, die lebenserhaltenden Maschinen abzuschalten.

Für den Buchautor stellt die Flucht ein persönliches Schlüsselerlebnis dar. „Ich habe seitdem gar keine Angst mehr vor dem Tod, aber die Flucht hat auch Negatives ausgelöst“ , erzählt de Niero. „Dirk war der hohe Preis unserer Flucht. Das hat mich immer sehr belastet.“ Erst durch die Arbeit am Buch hat er ein Stück weit Frieden gefunden.

Auch Tomas de Nieros körperliches Leiden geht auf die Zeit der Flucht zurück. Durch eine schwere Nierenbeckenentzündung versagten die Nieren des Autors. Verursacht durch die Belastung der Flucht, wie er selbst sagt. Er lebt seit elf Jahren mit einem Spenderorgan. Aus Dankbarkeit für diesen Neuanfang entschied sich de Niero bewusst für seinen Künstlernamen, der sich während der Dialyse aus dem Spitznamen „Tommy, die Niere“ entwickelte.

Heute sieht Tomas de Niero seine damalige Entscheidung zur Flucht in einem etwas anderen Licht. „Ich bin zwar kein großer Freund von Rückschauen, aber ich glaube nicht, dass ich mit meinem heutigen Verstand noch mal so ein großes Risiko eingehen würde. Man muss 16 sein. Man folgt einfach dem Instinkt.“

 

„Ich erinnere mich noch heute an den Geruch im Kofferraum“
Flucht aus der DDR: "Ich erinnere mich noch heute an den Geruch im Kofferraum"

Tomas de Niero kam als Tomas Friedrich auf die Welt. Er arbeitet als Musikproduzent und Autor auf Mallorca. FOTO: Melanie Friedrich
Mit 16 Jahren floh Tomas de Niero zusammen mit seiner Mutter nach Westberlin – im Kofferraum eines Botschafters. 40 Jahre später hat er seine Geschichte aufgeschrieben. Im Interview spricht er über seine Flucht unter Lebensgefahr. Von Sebastian Dalkowski

Tomas de Niero, 57, hat drei Geburtstage. Der Tag, an dem er auf die Welt kam. Der Tag, als ihm die Flucht nach Westberlin gelang. Und der Tag, als er eine neue Niere bekam. Der Tag der Flucht über den Checkpoint Charlie war der dramatischste. Am 16. Mai 1975 kletterte der damals 16-Jährige mit seiner Mutter in den Kofferraum eines Autos, das der Botschafter eines afrikanischen Landes in Ost-Berlin fuhr. Seine Mutter wollte in Westberlin endlich mit ihrem neuen Freund glücklich werden, außerdem fühlte sie sich als Künstlerin in der DDR eingeengt. Sie hatte drei Söhne, doch nur einen weiteren Platz im Kofferraum – und entschied sich für Tomas. Der musste nicht nur seine Brüder, sondern auch seine Oma, den Vater und die Jugendliebe zurücklassen. Was an jenem 16. Mai geschah, hat de Niero, der in Wirklichkeit Friedrich mit Nachnamen heißt und als Musikproduzent auf Mallorca lebt, in dem Buch „Gedanken im Kofferraum“ aufgeschrieben.

Was wäre passiert, wenn ein Grenzpolizist den Kofferraum geöffnet hätte, in dem Sie lagen?

Tomas de Niero Dann wäre ich mit Sicherheit als erster aus dem Wagen gesprungen, damit meine Mutter keinen Unsinn macht, also los rennt und erschossen wird.

Es war eine Flucht unter Lebensgefahr.

Das war es definitiv. Die Gefahr bestand, dass ein Grenzpolizist uns entdeckt und einfach losballert.

Warum wollten Sie eigentlich fliehen? Im Buch schreiben Sie, dass es Ihnen gar nicht so schlecht ging. Sie hatten auch eine Freundin, Ihre Jugendliebe Sabine.

Als 16-Jähriger habe ich mir da nicht solche Gedanken gemacht, und als meine Mutter mich fragte, führte das dazu, dass ich gesagt habe: Ich riskiere das. Jeder hat ja davon geträumt, rüberzukommen. Außerdem wollte ich meine Mutter nicht alleine lassen. Heute würde ich nicht noch einmal so entscheiden, sondern würde versuchen, mit der Situation zurecht zu kommen und meine Mutter von der Flucht abzuhalten.

Hatten Sie ein schlechtes Gewissen, dass Sie mitgefahren sind? Sie hatten ja noch zwei Brüder.

Einer meiner Brüder hat als Reaktion auf die Flucht angefangen zu trinken und ist daran auch später gestorben. Er ist der moralische Preis, den ich für meine Flucht gezahlt habe.

Wie haben Sie den letzten Tag Ihres alten Lebens verbracht?

Es war ja bereits der zweite Versuch. Beim ersten kam das Auto einfach nicht. Dann musste ich eine weitere Woche warten. Das war für mich viel anstrengender als die Flucht. Ich bin das Ganze noch mal im Kopf durchgegangen und habe dann festgestellt, dass ich nicht viel tun kann, außer mich in den Kofferraum zu legen und zu warten, bis es vorbei ist. Ich hab mich an dem Tag sogar noch mal mit meinem Bruder gezankt.

Wie verabschiedet man sich von Menschen, die man vielleicht nie wiedersieht? Sie durften es ihnen ja nicht mal erzählen.

Der Instinkt meiner Großmutter war schon sehr wach. Wir hatten ihr erzählt, dass wir Kollegen von meiner Mutter in Ostdeutschland besuchen, aber sie hatte schon sehr misstrauisch nachgefragt, warum ich denn da mitfahre. Wenn man nicht will, bekommt es niemand mit. Diese Dimension hat es nur in einem selbst.

Wie haben Sie sich von Ihrer Freundin verabschiedet?

Gar nicht. Ich hatte Sie für den Abend zu mir bestellt, ganz normal, als ob nichts wäre. Obwohl ich wusste, dass ich dann nicht mehr da sein würde. Meine Oma hat ihr dann erzählt, dass ich übers Wochenende weggefahren sei. Das arme Mädchen war drei Tage hintereinander da und hat gefragt, wo ich bin.

Die Flucht im Auto begann an einem Maiabend im Norden von Berlin in einem Wald im Stadtteil Buch. Warum gerade dort?

Weil den niemand beobachtete. Meine Mutter kannte das Grundstück, weil sie dort mal im Krankenhaus war. Da rannte niemand rum, da ist bloß ein schöner großer Wald. In der Stadt wäre es unmöglich gewesen, weil dort immer jemand geguckt hat. Das machte die Strecke bis zum Checkpoint Charlie sehr lang. Ich weiß bis heute nicht, wie lange wir unterwegs waren.

Ihr Fahrer war der Botschafter eines afrikanischen Landes aus dem Bekanntenkreis Ihrer Mutter. Lebt der Mann noch?

Das weiß ich nicht. Bei der Beerdigung meiner Mutter 1985 kam ein Afrikaner als allerletzter und richtete Grüße aus.

In was für ein Auto sind Sie gestiegen?

Keine Ahnung. Der Mann ist vorgefahren, ist ausgestiegen, hat auf den Kofferraum gezeigt und wir sind in den Kofferraum gesprungen. Ich tippe auf Opel oder Ford. Die Rückbank hatte er ein bisschen durchlöchert, damit wir genug Luft hatten. Er ist für mich der stille Held der Geschichte. Kurze Zeit später wurde er wieder nach Afrika geschickt.

Wie liegt es sich in einem gar nicht so großen Kofferraum mit der eigenen Mutter, die gar nicht so dünn war?

Unbequem wäre untertrieben. Es riecht komisch, es wird immer heißer, die Mutter liegt vor einem in der Embryonalhaltung. Das ist eine Nähe, die zuletzt bei der Geburt erreicht wurde. Ich habe mir die ganze Zeit Sorgen um sie gemacht, weil sie Probleme mit dem Herzen hatte. Das hat mich abgelenkt.

Und reden ging nicht?

Nein, darum hatte uns der Botschafter gebeten. Er hat auch nicht mit uns gesprochen während der Fahrt, weil er so eine Angst hatte, dass es auffliegt.

Wie haben Sie die Zeit rumbekommen?

Ich habe viel nachgedacht. Was machen die Jungs zuhause? Warum habe ich so einen Hunger? Warum habe ich so viel Kaffee getrunken? Ich war damals hyperaktiv und konnte plötzlich gar nichts machen. Das war das eigentlich Anstrengende. Die Fahrt kam mir endlos lang vor.

Haben Sie nicht irgendwann körperliche Schmerzen bekommen?

Klar. Ich lag immer auf der gleichen Seite, das ist körperlich sehr anstrengend, da tat nachher alles weh. Ich bin überzeugt: Wenn es nicht so eine intensive Situation gewesen wäre, hätte ich weniger Schmerzen gehabt.

Erinnern Sie sich noch an den Geruch?

Ja. Es roch nach Benzin, auch wenn ich damals noch gar nicht wirklich wusste, wie Benzin riecht. Wir hatten ja kein Auto.

Ist Ihnen der Geruch noch mal begegnet?

An Tankstellen und in feuchten Kellern. Da ist sofort die Erinnerung wieder da. Ich bin sehr geruchsempfindlich.

Mussten Sie nicht zwischendurch mal auf Toilette?

Natürlich. Wenn man weiß, dass man nicht auf Toilette kann, wird es ja noch dringender. Wir haben vorher noch in einem Café was getrunken, ohne daran zu denken, noch mal aufs Klo zu gehen.

Im Buch beschreiben Sie einen Zwischenfall direkt am Checkpoint Charlie, als der Wagen sehr lange stand. Was war da los?

Wir konnten das sehr gut hören. Die Grenzpolizisten haben zuerst versucht, den Wagen wieder zurückzuschicken. Warum auch immer. Dann hat der Botschafter gesagt: „Ich bin nicht der Koch der Botschaft, ich bin der Botschafter selbst.“ Dann ist der Wagen rechts rangefahren und die Polizisten haben überlegt, was sie mit dem Botschafter machen. Bis sie ihn durchgelassen haben.

In dem Moment müssen Sie riesige Angst gehabt haben.

Angst hatte ich nicht, ich war völlig ruhig. Aber ich habe mich gefragt, was da gerade passiert. Hätten die Polizisten entschieden, dass wir zurückfahren müssen, wäre das vermutlich unser Untergang gewesen. Denn dann hätten sie den Wagen so lange verfolgt, bis wir irgendwann ausgestiegen wären.

Wann wussten Sie, dass Sie es geschafft haben?

Als der Kofferraum aufging und der Botschafter vor uns stand. Danach habe ich diese Zigarettenwerbung gesehen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es HB war. Das sah verdammt nach Westen aus. Wir sind dann vorne eingestiegen und schweigend weitergefahren. Meine Mutter hat Kette geraucht.

Kein großer Jubel?

Wir haben uns in den Armen gelegen, aber nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich dachte, wir schmeißen da mit Bier um uns. Doch wir standen da, waren völlig erschöpft.

Die Flucht hat auch dafür gesorgt, dass Sie später eine neue Niere brauchten.

Ich hatte schon häufiger eine Nierenbeckenentzündung gehabt. Diese intensive Flucht war sehr belastend. 2004 bekam ich dann eine neue Niere.

Haben Sie Ihre Jugendliebe Sabine je wiedergesehen?

Bei einem Klassentreffen noch vor der Wiedervereinigung. Ende der 80er durfte ich wieder in die DDR. Es war furchtbar. Ich habe sie nach Hause gefahren, da saß ein betrunkener Mann vor der Tür und sagte: Wo warst du denn? Geh mal schön hoch.

Die meisten Leute sind vermutlich auf eine andere Art geflohen als Sie.

Es sind sehr viele Menschen mit dem Auto geflohen. Am Checkpoint Charlie ist ein Museum, wo es viele dieser Geschichten zu sehen gibt. Einer lag im Auto neben dem Motor in einer Haltung, die man nicht versteht. Dagegen bin ich gemütlich ausgereist.